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Mittwoch, 12. Dezember 2018

Meine Seele hat es eilig

Opa beim Berlin-Marathon unterwegs
Gestern durfte ich mein 68. Lebensjahr vollenden und bin endgültig im Ruhestand angekommen. Seit dem Sommer vertrete ich keine erkrankten Kollegen im Schuldienst mehr, sondern nehme mir Zeit für unsere neun Enkel, wenn ich gebraucht werde. Das weckt stets neue Lebensfreude in mir: sie zu erleben, mit ihnen zu spielen oder vorzulesen. Und ich wünsche mir sehnlichst, dass sie weiterhin in einem Deutschland aufwachsen können, in denen die Freiheit und der (soziale) Friede nicht in Gefahr sind. 
Leider macht mir jedoch die politische Entwicklung in Deutschland große Sorgen und deshalb kommentiere und teile ich viele Beiträge auf Facebook, was von immer mehr Menschen offenbar geschätzt wird (bald sind es 5.000). Jedenfalls haben mir gestern sehr viele von ihnen gratuliert und aufmunternde Worte geschickt. Da ich nicht jedem persönlich antworten kann, hier ein kleiner Text, der mir sehr aus dem Herzen spricht und deutlich macht, worauf es im Leben ankommt:
Ich fühle mich wie jenes Kind, das eine Packung Süßigkeiten gewann: Die ersten aß es mit Vergnügen, doch als es merkte, dass nur noch wenige übrig waren, begann es sie wirklich zu genießen.
Ich habe keine Zeit mehr für unendliche Konferenzen, wo man Statuten, Normen, Verfahren und interne Vorschriften diskutiert; wissend, dass nichts erreicht wird.
Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen, die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.
Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.
Ich will nicht in Meetings sein, wo aufgeblähte Egos aufmarschieren.
Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten.
Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Stellen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.
Die Menschen, die keine Inhalte diskutieren, sondern kaum die Titel.
Meine Zeit ist zu knapp, um Überschriften zu diskutieren.
Ich will das Wesentliche, denn meine Seele hat es eilig.
Ohne viele Süßigkeiten in der Packung...
Ich möchte neben Menschen leben, die sehr menschlich sind.
Die über ihre Fehler lachen können.
Die sich auf ihre Erfolge nichts einbilden.
Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen.
Die nicht vor ihren Verantwortungen fliehen.
Die die menschliche Würde verteidigen.
Und die nur an der Seite der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten.
Das Wesentliche ist das, was das Leben lohnenswert macht.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die das Herz anderer zu berühren wissen.
Menschen, denen die harten Stöße des Lebens beibrachten zu wachsen mit sanften Berührungen der Seele.
Ja ... ich habe es eilig ... um mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.
Ich versuche, keine der Süßigkeiten zu verschwenden, die mir noch bleiben.
Ich bin sicher, dass sie köstlicher sein werden als die, die ich bereits gegessen habe.
Mein Ziel ist, das Ende zufrieden zu erreichen - in Frieden mit mir, meinen Liebsten und meinem Gewissen.
Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du merkst, dass du nur eines hast.
(wird oft auch Mario de Andrade zugeschrieben, brasilianischer Dichter, Schriftsteller, Essayist und Musikwissenschaftler)

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