Seiten

Montag, 4. September 2017

Endlich Zeit für Gott?

Heute war er endlich da: der erste Tag meines endgültigen Ruhestands. Viele arbeiten auf diesen Tag ihr ganzes Leben hin und träumen, was sie dann alles machen werden: reisen, lesen, Sport, ein Jodeldiplom und, und, und…
Doch manchmal ist es gar nicht so toll, wenn man endlich das Rentenalter erreicht hat. Manch einer hat gesundheitliche oder finanzielle Probleme, den Ehepartner verloren oder spürt plötzlich eine große innere Leere, wenn das Berufsleben wegfällt, das den Tag bestimmt und einen erfüllt hat.
Ich muss immer an den Mann einer Nachbarin denken: Er war beruflich bei einem Herrenausstatter tätig und verkraftete seinen Ruhestand nicht. Er stand morgens nicht mehr auf, zog sich nicht mehr an, seine Frau konnte ihn nicht aktivieren. Nach nur vier Monaten als Rentner starb er eines natürlichen Todes.
Auch bei mir beginnt nun ein Lebensabschnitt mit fast unbegrenzter Freizeit. Zum Glück konnte ich als Lehrer in den Ferien stets fleißig für meinen späteren Ruhestand „üben“. Langweilig wurde mir dabei nie. Ich hatte ja auch immer meine Frau an meiner Seite und das Leben mit vier Töchtern und jetzt acht Enkeln bot genug Abwechslung.
Leider muss meine Frau aber noch einige Jahre arbeiten und verlässt morgens das Haus. Was tun? Zum Glück hat sie immer einige Aufträge für mich und ich kann sie so ein wenig entlasten. Wenn man älter wird, lädt sich der Akku nicht mehr so schnell auf und man braucht längere Erholungsphasen.
Keine Zeit für Gott

Was in meinem aktiven Leben aber immer zu kurz kam, war die Zeit für Gott, obwohl ich oft auf Wallfahrten oder Einkehrtagen erfahren durfte, wie wohltuend es war, sich in der stillen Zeit für das Gespräch mit ihm zu öffnen. Kaum war man wieder zu Hause und der Alltag hatte einen im Griff, gab es nur noch wenige Nischen, in denen man sich Zeit für das Gebet nahm. Manchmal hatte ich auch einfach keine Lust dazu.
Ich hatte mir deshalb angewöhnt, jeden Morgen im Auto auf dem Weg zur Schule den Rosenkranz zu beten. Und immer wieder durfte ich erleben, dass sich das segensreich auf meine Arbeit auswirkte, auch wenn ich oft ganz zerstreut betete oder mit meinen Gedanken schon bei den Schülern und ihren Problemen war.
Ein Psalmvers soll jetzt die Richtung meines Tagesablaufs bestimmen: „Herr, schon früh am Morgen hörst du mein Rufen. In aller Frühe bringe ich meine Bitten vor dich und warte sehnsüchtig auf deine Antwort“ (Psalm 5:4 HFA). Das habe ich heute schon mal probiert und bin mit der Laudes aus dem Stundengebet der Kirche gestartet (gibt es als App fürs Smartphone). Da ist immer genug Zeit, auch ganz persönlich für Anliegen und Menschen zu beten, die einem besonders am Herzen liegen.
Es folgte der Rosenkranz - ein Gebet, in dem mit Maria das Leben Jesu betrachtet wird. Hinweis an die evangelischen Geschwister: Nein, wir beten Maria nicht an. Die Betrachtung des Lebens Jesu steht im Mittelpunkt. Richtig verstandene Marienverehrung führt immer zu Jesus: Da sagte seine Mutter zu den Dienern: »Was immer er euch befiehlt, das tut!« (Johannes 2:5 HFA).
Was das Ganze bringt? Wie nach einem guten sportlichen Training fühlt man sich gestärkt für die Herausforderungen des Tages, gewinnt Lebensmut und Hoffnung. Jetzt muss ich nur noch am Ball bleiben, denn ganz ohne Selbstdisziplin geht es nicht. Auch für einen Ruheständler bietet das Leben genug Ablenkungen, um Zeit zu verplempern...

Lesen Sie auch: Ich habe keine Zeit - Erfahrungen mit dem Stundengebet