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Samstag, 15. April 2017

Berliner Karfreitagsprozession 2017

Diesmal mit muslimischer Beteiligung
In diesem Jahr nahmen meine Frau und ich wieder einmal an der ökumenischen Karfreitagsprozession in Berlin-Mitte teil. Dies sei eine geistliche Übung – so hieß es in dem Handzettel - Leid auszuhalten und sich dem Schmerz zu stellen. In sieben Stationen betrachteten wir bei diesem Schweigemarsch die Passion Jesu Christi und gedachten der Opfer linker, rechter und islamistischer Gewalt. Auch die Muslimin Seyran Ates, die durch ihren Einsatz für Menschenrechte und gegen religiöse Gewalt bekannt ist, war dabei.
Am Berliner Dom erinnerte uns Pfarrer Nikolaus Schneider an das Schicksal der 15-jährigen  Nigerianerin Aisha Moussa, die im Februar vergangenen Jahres von der islamistischen Terrormiliz Boko Haram in ein Lager im Sambisa-Wald verschleppt worden war und ein unvorstellbares Martyrium erleiden musste, bis ihr die Flucht gelang: „Ich wurde bis zur Taille eingegraben. So wollte man mich zwingen, zum Islam überzutreten“, erinnert sich Aisha. Nach knapp drei Wochen Tortur gab sie den Widerstand auf. Sie widerrief ihren christlichen Glauben und wurde mit einem der Fundamentalisten zwangsverheiratet – einem Mann, den sie auf Anfang 30 schätzt.
Tagsüber musste sie wie viele andere Mädchen im Lager arbeiten, doch am meisten fürchtete sie sich, wenn der Ehemann abends zurückkam, denn das bedeutete Misshandlung und Vergewaltigung bei vorgehaltenem Revolver. Nach Angaben der Vereinten Nationen sollen in Nigeria bis zu 7000 Mädchen und Frauen in Gefangenschaft der Terroristen leben: „Sie werden zwangsverheiratet, als Sexsklavinnen gehalten, müssen Waffen transportieren oder werden zu Selbstmordattentaten gezwungen.“ Aisha ist eine der wenigen Mädchen, der die Flucht gelang.
Kim – gefangen in Nordkorea
An der Neuen Wache, einer Erinnerungsstätte für alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, konfrontierte uns Kyoung-Sun Kang von der koreanischen Gemeinde mit der Christenverfolgung in Nordkorea, wo ein unmenschliches Regime Menschen brutal unterdrückt. Die Journalistin Antje Schippmann schilderte das Leben und die Haftbedingungen von Kim Yong Sook, die vor 17 Jahren aus Nordkorea fliehen konnte. Mit 16 Jahren erlebte sie, dass ihr Vater und ihr Großvater abgeholt wurden, weil ihre christliche Gruppe aufgeflogen war. Die Familie wurde zwangsdeportiert, lebte in ärmlichsten Verhältnissen und litt unter der Hungerkatastrophe in den 90iger Jahren, als die staatlichen Essensrationen eingestellt wurden.
1997 wagte sie mit ihrer Familie einen Fluchtversuch, wurde jedoch gefasst und eingesperrt: „In einer kleinen Zelle musste sie mit 30 Frauen leben, ihre Strafe: Sitzen. Von morgens 5.30 Uhr bis abends 23 Uhr mussten die Frauen auf engstem Raum im Schneidersitz ausharren, durften nicht reden, sich nicht bewegen. Noch heute kann Sook ihre Beine nicht lange ausstrecken, sie werden dann taub. Zum Schlafen lagen die Frauen aufeinander, ineinander verhakt, es wäre vielleicht Platz für sechs Menschen gewesen, aber nicht für 30, erinnert sie sich.“
Heute lebt Kim Yong Sook in Südkorea, träumt jede Nacht von ihrer Heimat, wünscht sich die Rückkehr in ein befreites Nordkorea, fühlt sich aber von der Politik im Stich gelassen.
Opfer des Nationalsozialismus und des kommunistischen Terrors
Weiter ging es zur katholischen St.Hedwigs-Kathedrale, der katholischen Bischofskirche von Berlin. In ihrer Krypta wird der vielen Glaubenszeugen Berlins gedacht. Der von den Nationalsozialisten ermordete Domprobst Bernhard Lichtenberg ist hier beerdigt. Doch auch der Opfer linken Terrors werde hier gedacht, sagte Erzbischof Dr. Heiner Koch. Er nannte hier stellvertretend Petro Werhun, den Seelsorger der ukrainischen Katholiken in Berlin ab 1927. Er blieb hier trotz der Schikanen durch die Nazis, wurde dann aber vom 1945 vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt, die er in einem Straflager am Baikalsee verbüßte. Danach wurde er nach Sibirien verbannt, wo er am 7. Februar 1957 entkräftet starb.
Die Glaubenszeugen Berlins starben, so Erzbischof Koch, weil sie sich in letzter Konsequenz unter das Kreuz Christi stellten: „Das ist es, was wir heute zeichenhaft und hoffentlich auch mit unserem Leben tun: Wir heben das Kreuz empor, tragen es durch unsere Straßen und folgen ihm nach. Wir tun es voller Liebe und voller Hoffnung, dass das Kreuz uns den Weg zeigt, der vom Tod zum Leben führt.“
Malala Yousafza – Opfer der Taliban
Danach führte die Prozession zum Reiterstandbild Friedrich II., der durch seine liberale Religionspolitik bekannt ist. Seyran Ates, Initiatorin einer liberalen Moschee in Berlin, sprach hier über Malala Yousafza, die mit 11 Jahren einen Blog im Internet begonnen hatte, in dem sie über Missstände in ihrem Land Pakistan und die Gräueltaten der Taliban berichtete. Auch weil sie als Klassenbeste für die Bildung von Mädchen kämpfte, wurde sie zu einer Gefahr für die islamistischen Terrorkämpfer. Am 9. Oktober 2012 bestieg ein Taliban ihren Schulbus und schoss in die Menge der Kinder. Sein Hauptziel war die jetzt 15-jährige Malala. Aus nächster Nähe schoss er ihr in den Kopf.
Britische Ärzte konnten ihr Leben durch viele Operationen retten. 2014 wurde ihr der Friedensnobelpreis verliehen. Dennoch kann sie nicht in ihre Heimat zurück, da ihr dort immer noch viele nach dem Leben trachten. Von der UN wurde sie in der letzten Woche zu einer Friedensbotschafterin erklärt.
Weder ihr politisches Engagement noch ihr Glaube an Gott konnte von den religiösen Fanatikern gebrochen werden. In ihrer Biographie schrieb sie: „Wie groß ist Gott! Er hat uns Augen geschenkt, um die Schönheit der Welt zu sehen! Hände, um sie zu berühren; eine Nase, um ihren Duft zu riechen und ein Herz, um für all das dankbar zu sein!“ 
Von links n. r.: Seyran Ates (mit Mikrofon), Bertold Höcker, Bischof Dröge, Erzbischof Koch.
Weiter ging es zur Friedrichstraße, wo unserer jüdischen Mitbürger gedacht wurde, die Opfer des Holocaust wurden. Pfarrer Schneider las hier einen Text von Heinz Galinski vor, dessen Mutter und Ehefrau in Auschwitz ermordet wurden, der aber von britischen Truppen Mitte April 1945 aus dem KZ Bergen-Belsen befreit wurde.
Terror gegen koptische Christen in Ägypten
Die Prozession endete am Französischen Dom, der im 18. Jahrhundert für Flüchtlinge aus Frankreich erbaut wurde, die in Preußen eine neue Heimat fanden. Hier gedachte Pfarrer Emmanuel Sfiatkos der Terroranschläge gegen die Kopten in Ägypten. Am letzten Sonntag kamen dabei 49 Christen ums Leben. Auch der Vater eines dreijährigen Kindes, der sein Martyrium schon vorausgeahnt hatte. Es war nicht der erste Anschlag dieser Art.
Erst am 11. Dezember 2016 waren in Kairo 23 Christen in einer Kirche getötet worden, als sich ein Selbstmordattentäter während des Gottesdienstes in die Luft sprengte. Trotz jahrhundertelanger Verfolgung hätten orthodoxe Christen immer wieder Brücken der Verständigung gebaut und sie auch mutig beschritten. Trotzdem würden sie heute aus ihren Heimatländern systematisch vertrieben.
Er schloss mit den Worten: „Wir hoffen und erbitten für alle Menschen in diesem Land ein Licht der Hoffnung. Dieses Licht erleben wir in der Erfahrung der Auferstehung unseres Herrn. Wir Orthodoxen beschreiben unser Leben als eine Kreuzauferstehungserfahrung. Möge Gott uns allen Kraft geben, unser Kreuz voller Mut auf unsere Schultern zu heben und der Welt die frohe Botschaft zu verkünden: Der Herr ist von den Toten auferstanden. Er hat den Tod durch den Tod zertreten und denen in den Gräbern das Leben geschenkt.“
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Schlusssegen am Gendarmenmarkt. Schade, dass die Prozession nur einige Hundert Teilnehmer hatte.

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