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Freitag, 29. März 2013

Es gab so viele Judasse...


Ökumenische Karfreitagsprozession durch Berlin-Mitte
Die heutige ökumenische Karfreitagsprozession vom Berliner Dom bis zur St.-Hedwigs-Kathedrale durch den historischen Berliner Stadtkern setzte sich als Bußgang von uns Christen besonders mit den verhängnisvollen Auswirkungen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft  auf die Stadt Berlin nach 1933 auseinander. Etwa 600 Menschen nahmen trotz Schneegestöbers daran teil.
Ökumenische Karfreitagsprozession durch Berlin-Mitte
Bischof Markus Dröge (links)
Die Prozession stoppte zum ersten Mal vor der St. Marienkirche. Hier hatte nur wenige Tage nach Hitlers Machtübernahme  im Februar 1933 der Pfarrer Joachim Hossenfelder einen Dankgottesdienst gefeiert. Die Kirche war damals so voll wie sonst nur an Weihnachten. Er und seine antisemitische Bewegung der „Deutschen Christen“ hielten Hitler für ein Werkzeug Gottes. Erschreckend die Flagge dieser sogenannten „Christen“: Sie hatten am Kreuz Jesu Christi ein Hakenkreuz angebracht.
„Warum sind so viele Christen dem Ruf der Nazis gefolgt und selbst zu Tätern geworden?“, fragte Superintendent Berthold Höcker. „Warum hat die Kirche Schuld auf sich geladen, indem sie diese Gefolgschaft nicht nur politisch  unterstützt, sondern auch religiös verklärt hat?“ Bis 1945 seien in vielen Kirchen Berlins Führergeburtstage und Dankgottesdienste zum Nationalen Aufbruch gefeiert worden. Die Kirchenleitung hatte damals geduldet, dass der Ruf Jesu, der ein Ruf der Liebe ist, in das Gegenteil verkehrt wurde.
Die dritte Station führte uns an die St. Nikolaikirche. Hier sind viele Kirchenlieder entstanden: „Geh‘ aus mein Herz und suche Freud‘ “, „Befiehl du deine Wege“, „Ich bin ein Gast auf Erden“, „Ich steh an deiner Krippen hier“ und das Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“, das an jeder Station heute gesungen wurde. Lieder voller Optimismus und Lebensfreude, geschrieben von Paul Gerhardt, der von 1657 bis 1667 hier als Pfarrer tätig war. Er war davon überzeugt, dass Gott unser Leben in seinen Händen hält. Dabei war sein eigenes Leben nicht gerade leicht: Mit 12 verlor er seinen Vater, kurz darauf die Mutter. Vier seiner fünf Kinder starben, Pest und Pocken tobten damals in unserer Stadt, so dass die Hälfte der Einwohner Berlins starben. Sein Gottvertrauen war hart errungen, seine Zuversicht alles andere als leicht dahingesagt.

Ökumenische Karfreitagsprozession vor der St.-hedwigs.Kathedrale
Die Kreuzträger wurden nach jeder Station
gewechselt: Hier meine Frau.
Weiter ging es zum ehemaligen Standort der Petrikirche am Petrikirchplatz. Hier hatte Dr. Walter Hoff als Probst gearbeitet. Der NS-Pfarrer rühmte sich dafür, dass er „in Sowjetrussland eine erhebliche Anzahl von Juden, nämlich viele Hunderte, habe liquidieren helfen“. Ein Pfarrer als Judenmörder! Trotzdem wurden ihm nach dem Krieg seine geistlichen Rechte wieder zugesprochen. „Ein düsteres Kapitel der Schuldgeschichte unserer Kirche“, klagte Superintendent Bertold Höcker. Dennoch werde gerade an diesem Ort an einem Zeichen der Hoffnung gearbeitet. Ein Bet- und Lehrhaus soll hier entstehen, in dem Juden, Muslime und Christen friedlich Gottesdienst feiern, Dialoge führen und den Diskurs suchen. Wir beteten hier besonders für die Geschundenen, Erschlagenen, Verfolgten und zu Tode Gequälten aller Völker.
Gleich um die Ecke an der Friedrichswerderschen Kirche hatte Pfarrer Heinrich Grüber sein Büro. Er war für viele Menschen damals ein Zeichen der Hoffnung. Das Büro Grüber war eine Einrichtung der „Bekennenden Kirche“ vor allem für Christen jüdischer Herkunft. Die Verfolgung der Nazis richtete sich aber auch gegen Schwule und Lesben, Behinderte, Kranke und Schwache.
Adolf Eichmann sagte einmal zu Pfarrer Grüber: „Sie haben es doch nicht nötig, für diese Menschen einzutreten. Niemand wird es Ihnen danken! Ich begreife nicht, warum Sie das tun!“
Der Pfarrer antworte: „Auf der Straße von Jerusalem nach Jericho lag einmal ein überfallener und ausgeplünderter Jude. Ein Mann, der durch Rasse und Religion von ihm getrennt war, ein Samariter, kam und half ihm. Der Herr, auf dessen Befehl ich allein höre, sagt mir: Gehe du hin und tue desgleichen!“
An der Französischen Friedrichstadtkirche erinnerten wir uns der Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, und beteten wir besonders für die verfolgten Christen in Ägypten, Syrien, Nordkorea und vielen islamischen Staaten.
Der Domprobst der St.-Hedwigs-Kathedrale Bernhard  Lichtenberg betete nach den Pogromen im November 1938 für die verfolgten Juden - regelmäßig und öffentlich. Besonders bekannt geworden ist sein Gebet, das er dort unter dem Eindruck des Judenpogroms der „Reichskristallnacht“ sprach: „Was gestern war, wissen wir. Was morgen ist, wissen wir nicht. Aber was heute geschehen ist, haben wir erlebt. Draußen brennt der Tempel. Das ist auch ein Gotteshaus“.
Außerdem hatte er in einem Brief an Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti gegen das Euthanasieprogramm protestiert, das zur Ermordung von unheilbar Kranken und geistig oder körperlich Behinderten führte.
Bernhard Lichtenberg betete ohne Unterlass. Dafür brachten ihn die Nazis zu Tode. „Betet ohne Unterlass“ (vgl. Kol 4,2, Eph 6,18)!, schrieb er in einem der wenigen Briefe, die er aus der Haft schreiben durfte.

Ohne diesen innigen Kontakt zum Herrn, stehen wir immer in Gefahr , Jesus nicht mehr zu folgen. "Judas, mit einem Kuss willst du den Menschensohn verraten?", fragte Jesus seinen Jünger (Lk 22,48). Nicht nur im engsten Kreis des Herrn gab es einen Verräter. Immer wieder in der Kirchengeschichte gab es Judasse, denen die Botschaft vom Kreuz als Unsinn erschien, und die durch ihr Leben das Licht des Evangeliums verdunkelten.

Tief berührt gingen wir nach der fast 2 1/2- stündigen Prozession nach Hause. Wie wichtig ist es doch, dass wir Christen unserem Herrn folgen und uns nicht durch den gerade herrschenden Zeitgeist von der Nachfolge abbringen lassen.


Ostereier weisen auf das bevorstehende Auferstehungsfest hin.
Schon am Karfreitag aufgehängt: Ostereier, die als Zeichen des Lebens
auf das bevorstehende Fest der Auferstehung Jesu Christi hinweisen.

Kommentare:

Thomas Marin hat gesagt…

Zwei kleine Ergänzungen: Mindestens das Lied "Oh Haupt voll Blut und Wunden" von Paul Gerhardt ist mit Sicherheit nicht in Berlin an St. Nikolai entstanden, sondern in Gerhardts Mittenwalder Zeit, die als besonders fruchtbar für seine Rolle als Kirchenlieddichter gilt.
Zu Bernhard Lichtenberg ist zu ergänzen, daß er auch das Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin leitete, das das katholische Gegenstück zum "Büro Heinrich Grüber" war. Grüber und Lichtenberg wurden Ende 1940 bzw. im Herbst 1941 verhaftet. Das Büro Grüber hörte damit auf, zu existieren, das HBOB zog Bischof von Preysing an sich. In seinem Auftrag leitete MArgarete Sommer das Werk bis nach dem Krieg und rettete Unzähligen das Leben. Grüber kam 1943 mit schweren gesundheitlichen Schäden frei und war nach dem Krieg als moralisch hochangeseher Kirchenmann u.a. für den Magistrat tätig. Dompropst Lichtenberg starb 1943 auf dem Transport nach Dachau.

Gerhard Lenz hat gesagt…

Herzlichen Dank für die Ergänzungen!