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Mittwoch, 26. Juni 2019

Samuel Koch in Berlin: Gott wird alle Tränen trocknen

Wer kennt ihn nicht? Den Kunstturner Samuel Koch, der nach 37.230 Trainingseinheiten seinen Körper beherrschte wie kaum ein anderer und trotzdem 2010 in der Fernsehsendung „Wetten, dass…?“ vor laufender Kamera einen schweren Unfall mit 4-fachem Genickbruch erlitt. Seitdem ist er vom Hals abwärts gelähmt. Vorige Woche war er in Berlin, erzählte aus seinem Leben, las aus seinen neuesten Büchern („Rolle vorwärts“, „Steh auf!“) und beeindruckte uns mit Gedanken von großer Tiefe. Unglaublich, dass er bis heute seinen Lebensmut nicht verloren hat, sondern sogar noch strahlen kann!
Samuel Koch in der Friedenskirche Berlin Charlottenburg
Samuel Koch am 21. Juni 2019 in Berlin
Oft werde er gefragt, warum er so strahle. Er antworte dann, dass er einerseits nahe an der Sonne gebaut sei und andererseits ihm die Erziehung dies auferlegt habe. „Stell dich nicht so an!“, ermahnte ihn seine Mutter schon in jungen Jahren. Das sage er sich oft selbst, wenn er wieder Schweres ertragen muss.
Eine Dankbarkeitsliste erstellen
Es gebe ihm aber auch Hoffnung, dass das Leben nicht in der Wiege beginnt und im Sarg endet. Samuel Koch ist überzeugt davon, dass dieses Leben nicht alles sei und das Beste erst noch komme. Dadurch relativiere sich vieles Unschöne und die Perspektive auf das Leben verändere sich. So erstellt er sich regelmäßig eine Art Dankbarkeitsliste und sei selbst überrascht, wie viele Dinge es in seinem Leben gebe, für die er dankbar sein kann. Damit sollte ich auch beginnen, dachte ich mir, wenn die kleinen Widrigkeiten des Alltags mir mal wieder die Stimmung vermiesen wollen.
Auch eine „innere Kraft“ helfe ihm, weniger schöne Dinge auszuhalten und nicht in Verzweiflung zu geraten. Niki Lauda habe sie nach seinem Unfall aus seiner Wut gegen Gott bezogen, der nicht verhindert hatte, dass er fast in seinem Rennwagen verbrannt war. Ob es bei ihm auch so war, fragte ich Samuel Koch. Nein, antwortete er, seine Wut habe er eher auf sich selbst gerichtet, weil er schon zweimal die Aktion bei „Wetten, dass…?“ abgesagt hatte. Sein Bauchgefühl hatte dagegengesprochen, aber dann habe er die Wette doch gewagt. 
Warum lässt Gott das zu?
Zur Frage, warum Gott das Leid zulasse, habe er auch keine schlüssige Antwort, fände aber Trost in Bibelworten wie: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen (Römer 8,28).“ 
Allerdings habe er die Existenz Gottes auch schon als Ganzes hinterfragt: »Ist der Glaube oder überhaupt Religion vielleicht nur ein von Menschen gemachtes psychologisches Konstrukt, das uns irgendwie über Wasser halten soll, als Notlösung für einen vermeintlichen Sinn im Leben?  Das Grundvertrauen, das ich vorher Gott gegenüber empfunden hatte, war erschüttert worden...
Das erste Mal, dass ich ahnte: „Es gibt ihn doch“, war am Anfang der Reha in der Schweiz. Drei endlose Monate hatte ich auf dem Rücken gelegen, den Kopf eingespannt in einer Schraubstockkonstruktion. 
Kurz danach durfte ich ein paar Minuten im Rollstuhl sitzen, man fuhr mich auf den Balkon. Schmerzen, Frustration, alle Träume für ewig zerplatzt? In diesem Moment war es die einzig logische Konsequenz, mich an Gott zu wenden. Wohin sonst sollte ich jetzt noch gehen? Das Loch in meinem Hals, durch das ich bis vor kurzem noch beatmet worden war, war noch nicht ganz zugewachsen, als ich zum ersten Mal nach langer Zeit bewusst durch Mund und Nase einatmete… 
So etwas wie ein Lächeln begann unbewusst in meinem Gesicht zu kitzeln. Ich empfand Dankbarkeit für die wirklich netten Krankenschwestern und Therapeuten. Dann dachte ich an meine Familie und die Freunde und plötzlich verspürte ich – scheinbar grundlos – Freude, die von innen heraus kam… Rückwirkend würde ich diesen Moment als inneren Frieden betiteln. Vielleicht war er ja eine erste Ahnung davon, dass es trotz allem immer noch Grund zur Hoffnung auf ein lebenswertes Leben gibt, dass ich eines Tages wieder glücklich sein kann.
Trotzdem blieben noch viele Fragen offen. Ich werde hier auf der Erde nie auf alle meine Fragen eine Antwort bekommen. Doch wenn ich kann, werde ich sie Gott stellen, sobald ich bei ihm bin. Doch bis dahin hoffe ich darauf: „Er wird alle Tränen trocknen und der Tod wird keine Macht mehr haben. Leid, Klagen und Schmerzen wird es nie wieder geben; denn was einmal war, ist für immer vorbei“ (Offenbarung 21,4).
Tränen trocknen, Schmerzen lindern – das geht auch schon jetzt. Deshalb lasst uns weiter wach, neugierig und abenteuerlustig vorwärts gehen und versuchen, mit so vielen Menschen wie möglich jetzt und hier ein Stückchen Himmel auf Erden zu feiern.«
Buchtipps
Mit diesen Worten aus seinem Buch „Rolle vorwärts: Das Leben geht weiter als man denkt“ schloss der Abend. Ich kann nur empfehlen, es selbst zu lesen und an Menschen zu verschenken, die viel im Leben zu tragen haben. Das Buch weckt Mut und Hoffnung!
Zur Zeit lese ich gerade sein drittes Buch „Steh auf, Mensch! Was macht uns stark?“, (k)ein Resilienzratgeber – aber hilfreiche Gedanken darüber, was Menschen innerlich stärker macht zur Bewältigung von Krisen: „Für alles gibt es heutzutage Kurse, Scheine und Seminare; Kinder lernen in der Vorschule schon Englisch oder gar Chinesisch und werden auf alles Mögliche penibel vorbereitet, nur leider meist nicht auf das wahre Leben.“ 
Schon Kindern räumt man gern alle Schwierigkeiten aus dem Weg und verhindert dadurch, dass sie lebenstüchtig werden: „Stehauf-Fähigkeiten werden im Laufe des Lebens erworben durch Erfahrung, Nachahmen, Scheitern.“ – Ein Buch für Menschen, die sich innerlich weiterentwickeln wollen, aber auch andere stark machen wollen, wie z.B. Eltern, Lehrer und Erzieher. Kein Ratgeber für billigen Trost, sondern Lebenserfahrungen, wie man in schweren Zeiten den Fuß wieder auf den Boden bekommt – von einem, der es aus eigenem Erleben kennt. 
Samuel Koch in der Friedenskirche in Berlin Charlottenburg

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Meine Seele hat es eilig

Opa beim Berlin-Marathon unterwegs
Gestern durfte ich mein 68. Lebensjahr vollenden und bin endgültig im Ruhestand angekommen. Seit dem Sommer vertrete ich keine erkrankten Kollegen im Schuldienst mehr, sondern nehme mir Zeit für unsere neun Enkel, wenn ich gebraucht werde. Das weckt stets neue Lebensfreude in mir: sie zu erleben, mit ihnen zu spielen oder vorzulesen. Und ich wünsche mir sehnlichst, dass sie weiterhin in einem Deutschland aufwachsen können, in denen die Freiheit und der (soziale) Friede nicht in Gefahr sind. 
Leider macht mir jedoch die politische Entwicklung in Deutschland große Sorgen und deshalb kommentiere und teile ich viele Beiträge auf Facebook, was von immer mehr Menschen offenbar geschätzt wird (bald sind es 5.000). Jedenfalls haben mir gestern sehr viele von ihnen gratuliert und aufmunternde Worte geschickt. Da ich nicht jedem persönlich antworten kann, hier ein kleiner Text, der mir sehr aus dem Herzen spricht und deutlich macht, worauf es im Leben ankommt:
Ich fühle mich wie jenes Kind, das eine Packung Süßigkeiten gewann: Die ersten aß es mit Vergnügen, doch als es merkte, dass nur noch wenige übrig waren, begann es sie wirklich zu genießen.
Ich habe keine Zeit mehr für unendliche Konferenzen, wo man Statuten, Normen, Verfahren und interne Vorschriften diskutiert; wissend, dass nichts erreicht wird.
Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen, die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.
Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.
Ich will nicht in Meetings sein, wo aufgeblähte Egos aufmarschieren.
Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten.
Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Stellen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.
Die Menschen, die keine Inhalte diskutieren, sondern kaum die Titel.
Meine Zeit ist zu knapp, um Überschriften zu diskutieren.
Ich will das Wesentliche, denn meine Seele hat es eilig.
Ohne viele Süßigkeiten in der Packung...
Ich möchte neben Menschen leben, die sehr menschlich sind.
Die über ihre Fehler lachen können.
Die sich auf ihre Erfolge nichts einbilden.
Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen.
Die nicht vor ihren Verantwortungen fliehen.
Die die menschliche Würde verteidigen.
Und die nur an der Seite der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten.
Das Wesentliche ist das, was das Leben lohnenswert macht.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die das Herz anderer zu berühren wissen.
Menschen, denen die harten Stöße des Lebens beibrachten zu wachsen mit sanften Berührungen der Seele.
Ja ... ich habe es eilig ... um mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.
Ich versuche, keine der Süßigkeiten zu verschwenden, die mir noch bleiben.
Ich bin sicher, dass sie köstlicher sein werden als die, die ich bereits gegessen habe.
Mein Ziel ist, das Ende zufrieden zu erreichen - in Frieden mit mir, meinen Liebsten und meinem Gewissen.
Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du merkst, dass du nur eines hast.
(wird oft auch Mario de Andrade zugeschrieben, brasilianischer Dichter, Schriftsteller, Essayist und Musikwissenschaftler)

Donnerstag, 22. November 2018

Das Kreuz mit der Kirche

Vortrag von Dr. David Berger im Ratskeller Charlottenburg
Er ist als katholischer Theologe aus der Kirche ausgetreten, setzt sich aber dennoch für eine Re-Katholisierung Europas ein, weil nur so eine Islamisierung verhindert werden könne: David Berger, viele Jahre Professor im Vatikan, seit 2016 Blogger der liberal-konservativen Seite philosophia-perennis und freier Journalist (u.a. für  Die Zeit, Junge Freiheit, The European). Seine Bibliographie wissenschaftlicher Schriften umfasst ca. 1.000 Titel. Warum glaubt er, dass Europa ohne den christlichen Glauben verloren sei?
Dr. David Berger (rechts im Bild)
Der Roman von Michel Houellebecq „Unterwerfung“ habe ihn zum Nachdenken gebracht. In einem Interview mit dem SPIEGEL vertrat der Autor die Meinung, unsere weitgehend vom Atheismus und der Kirchenferne geprägte Zeit und Kultur sei schwach geworden und der Atheismus sterbe an seinen eigenen Zweifeln. So sei ein Vakuum entstanden, in das der Islam hineindränge. Houellebecq teilt die Ansicht des Philosophen Auguste Comte, dass eine Gesellschaft ganz ohne Religion nicht fortbestehen könne. 
Als Gegenentwurf zur Islamisierung brachte Houellebecq den Katholizismus ins Spiel. Neben dem Erstarken des Islam gebe es eine bemerkenswerte Wiederkehr des Katholizismus in Frankreich. In Deutschland – so Berger - sei dies jedoch ganz anders. Niemals habe sich der Katholizismus so gleichschalten lassen mit dem herrschenden politischen System wie heute in Deutschland unter Marx und Woelki. Selbst im Dritten Reich sei mehr Widerstandskraft vorhanden gewesen, als hunderte Priester ins KZ Dachau abgeschoben wurden, aber sie den Papst hinter sich wussten. 
Die katholische Kultur – so Berger - habe unser Wertesystem ganz entschieden geprägt und festgestellt, der Wert einer menschlichen Person sei unabhängig von der Rasse, der Herkunft, der Religion oder dem Geschlecht. Und das bereits vom Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert, was die Grundlage für die Entwicklung der Menschenrechte bedeutete. Auch hätten sich die Väter unseres Grundgesetzes immer wieder Rat bei den Dominikanern geholt, wodurch es entschieden von unserem christlichen Wertesystem geprägt wurde. Berger glaubt, dass die Wiederentdeckung des Katholizismus als eine Art konservative Revolution der Barbarei des Islams etwas entgegensetzen könnte. 
In Frankreich habe das schon begonnen. Dort seien die Kirchen wieder voll – wie auch Michel Houellebecq festgestellt habe: »Getragen wird es zum Beispiel von den sogenannten Charismatikern, die ihre Gottesdienste in Happenings, in Gefühlsergüsse verwandeln, wie es auch Pfingstler oder Evangelikale tun. Die Demonstrationen gegen die Ehe für alle und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare haben die Politik durch ihre Massenmobilisierung überrascht. Niemand hätte derlei für möglich gehalten. Die Katholiken in Frankreich sind sich ihrer Stärke so wieder bewusst geworden. Das war wie eine unterirdische Strömung, die plötzlich zutage trat. Für mich einer der interessantesten Momente in der jüngsten Geschichte.«
Bei der anschließenden Diskussion mit vielen der etwa 100 Zuhörer erklärte Berger, der Mensch habe von Natur aus ein religiöses Bedürfnis und deshalb werde es nicht gelingen, die Religion aus der Öffentlichkeit zu verdrängen. Das sei die große Chance der Kirchen, den Menschen Antworten auf ihre Sinnfragen zu geben.