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Sonntag, 18. August 2019

Zwillinge: Glaubst du an ein Leben nach der Geburt?

Zwillinge unterhalten sich:
Glaubst du an ein Leben nach der Geburt?
„Sag’ mal, glaubst Du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?“, fragt der eine Zwilling.
„Ja, auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden für das, was draußen kommen wird, vorbereitet“, antwortet der andere Zwilling.
„Ich glaube, das ist Blödsinn!“, sagt der erste. „Es kann kein Leben nach der Geburt geben – wie sollte das denn bitteschön aussehen?“
„So ganz weiß ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller als hier sein. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen?“
„So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Mund essen, was für eine verrückte Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Und wie willst du herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur viel zu kurz.“
„Doch, es geht bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders.“
„Du spinnst! Es ist noch nie einer zurückgekommen nach der Geburt. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende, Punktum.“
„Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden, und sie wird für uns sorgen.“
„Mutter? Du glaubst doch wohl nicht an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?“
„Na hier – überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein!“
„Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht.“
„Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt.“ 
Henri J. M. Nouwen

Mittwoch, 26. Juni 2019

Samuel Koch in Berlin: Gott wird alle Tränen trocknen

Wer kennt ihn nicht? Den Kunstturner Samuel Koch, der nach 37.230 Trainingseinheiten seinen Körper beherrschte wie kaum ein anderer und trotzdem 2010 in der Fernsehsendung „Wetten, dass…?“ vor laufender Kamera einen schweren Unfall mit 4-fachem Genickbruch erlitt. Seitdem ist er vom Hals abwärts gelähmt. Vorige Woche war er in Berlin, erzählte aus seinem Leben, las aus seinen neuesten Büchern („Rolle vorwärts“, „Steh auf!“) und beeindruckte uns mit Gedanken von großer Tiefe. Unglaublich, dass er bis heute seinen Lebensmut nicht verloren hat, sondern sogar noch strahlen kann!
Samuel Koch in der Friedenskirche Berlin Charlottenburg
Samuel Koch am 21. Juni 2019 in Berlin
Oft werde er gefragt, warum er so strahle. Er antworte dann, dass er einerseits nahe an der Sonne gebaut sei und andererseits ihm die Erziehung dies auferlegt habe. „Stell dich nicht so an!“, ermahnte ihn seine Mutter schon in jungen Jahren. Das sage er sich oft selbst, wenn er wieder Schweres ertragen muss.
Eine Dankbarkeitsliste erstellen
Es gebe ihm aber auch Hoffnung, dass das Leben nicht in der Wiege beginnt und im Sarg endet. Samuel Koch ist überzeugt davon, dass dieses Leben nicht alles sei und das Beste erst noch komme. Dadurch relativiere sich vieles Unschöne und die Perspektive auf das Leben verändere sich. So erstellt er sich regelmäßig eine Art Dankbarkeitsliste und sei selbst überrascht, wie viele Dinge es in seinem Leben gebe, für die er dankbar sein kann. Damit sollte ich auch beginnen, dachte ich mir, wenn die kleinen Widrigkeiten des Alltags mir mal wieder die Stimmung vermiesen wollen.
Auch eine „innere Kraft“ helfe ihm, weniger schöne Dinge auszuhalten und nicht in Verzweiflung zu geraten. Niki Lauda habe sie nach seinem Unfall aus seiner Wut gegen Gott bezogen, der nicht verhindert hatte, dass er fast in seinem Rennwagen verbrannt war. Ob es bei ihm auch so war, fragte ich Samuel Koch. Nein, antwortete er, seine Wut habe er eher auf sich selbst gerichtet, weil er schon zweimal die Aktion bei „Wetten, dass…?“ abgesagt hatte. Sein Bauchgefühl hatte dagegengesprochen, aber dann habe er die Wette doch gewagt. 
Warum lässt Gott das zu?
Zur Frage, warum Gott das Leid zulasse, habe er auch keine schlüssige Antwort, fände aber Trost in Bibelworten wie: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen (Römer 8,28).“ 
Allerdings habe er die Existenz Gottes auch schon als Ganzes hinterfragt: »Ist der Glaube oder überhaupt Religion vielleicht nur ein von Menschen gemachtes psychologisches Konstrukt, das uns irgendwie über Wasser halten soll, als Notlösung für einen vermeintlichen Sinn im Leben?  Das Grundvertrauen, das ich vorher Gott gegenüber empfunden hatte, war erschüttert worden...
Das erste Mal, dass ich ahnte: „Es gibt ihn doch“, war am Anfang der Reha in der Schweiz. Drei endlose Monate hatte ich auf dem Rücken gelegen, den Kopf eingespannt in einer Schraubstockkonstruktion. 
Kurz danach durfte ich ein paar Minuten im Rollstuhl sitzen, man fuhr mich auf den Balkon. Schmerzen, Frustration, alle Träume für ewig zerplatzt? In diesem Moment war es die einzig logische Konsequenz, mich an Gott zu wenden. Wohin sonst sollte ich jetzt noch gehen? Das Loch in meinem Hals, durch das ich bis vor kurzem noch beatmet worden war, war noch nicht ganz zugewachsen, als ich zum ersten Mal nach langer Zeit bewusst durch Mund und Nase einatmete… 
So etwas wie ein Lächeln begann unbewusst in meinem Gesicht zu kitzeln. Ich empfand Dankbarkeit für die wirklich netten Krankenschwestern und Therapeuten. Dann dachte ich an meine Familie und die Freunde und plötzlich verspürte ich – scheinbar grundlos – Freude, die von innen heraus kam… Rückwirkend würde ich diesen Moment als inneren Frieden betiteln. Vielleicht war er ja eine erste Ahnung davon, dass es trotz allem immer noch Grund zur Hoffnung auf ein lebenswertes Leben gibt, dass ich eines Tages wieder glücklich sein kann.
Trotzdem blieben noch viele Fragen offen. Ich werde hier auf der Erde nie auf alle meine Fragen eine Antwort bekommen. Doch wenn ich kann, werde ich sie Gott stellen, sobald ich bei ihm bin. Doch bis dahin hoffe ich darauf: „Er wird alle Tränen trocknen und der Tod wird keine Macht mehr haben. Leid, Klagen und Schmerzen wird es nie wieder geben; denn was einmal war, ist für immer vorbei“ (Offenbarung 21,4).
Tränen trocknen, Schmerzen lindern – das geht auch schon jetzt. Deshalb lasst uns weiter wach, neugierig und abenteuerlustig vorwärts gehen und versuchen, mit so vielen Menschen wie möglich jetzt und hier ein Stückchen Himmel auf Erden zu feiern.«
Buchtipps
Mit diesen Worten aus seinem Buch „Rolle vorwärts: Das Leben geht weiter als man denkt“ schloss der Abend. Ich kann nur empfehlen, es selbst zu lesen und an Menschen zu verschenken, die viel im Leben zu tragen haben. Das Buch weckt Mut und Hoffnung!
Zur Zeit lese ich gerade sein drittes Buch „Steh auf, Mensch! Was macht uns stark?“, (k)ein Resilienzratgeber – aber hilfreiche Gedanken darüber, was Menschen innerlich stärker macht zur Bewältigung von Krisen: „Für alles gibt es heutzutage Kurse, Scheine und Seminare; Kinder lernen in der Vorschule schon Englisch oder gar Chinesisch und werden auf alles Mögliche penibel vorbereitet, nur leider meist nicht auf das wahre Leben.“ 
Schon Kindern räumt man gern alle Schwierigkeiten aus dem Weg und verhindert dadurch, dass sie lebenstüchtig werden: „Stehauf-Fähigkeiten werden im Laufe des Lebens erworben durch Erfahrung, Nachahmen, Scheitern.“ – Ein Buch für Menschen, die sich innerlich weiterentwickeln wollen, aber auch andere stark machen wollen, wie z.B. Eltern, Lehrer und Erzieher. Kein Ratgeber für billigen Trost, sondern Lebenserfahrungen, wie man in schweren Zeiten den Fuß wieder auf den Boden bekommt – von einem, der es aus eigenem Erleben kennt. 
Samuel Koch in der Friedenskirche in Berlin Charlottenburg

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Meine Seele hat es eilig

Opa beim Berlin-Marathon unterwegs
Gestern durfte ich mein 68. Lebensjahr vollenden und bin endgültig im Ruhestand angekommen. Seit dem Sommer vertrete ich keine erkrankten Kollegen im Schuldienst mehr, sondern nehme mir Zeit für unsere neun Enkel, wenn ich gebraucht werde. Das weckt stets neue Lebensfreude in mir: sie zu erleben, mit ihnen zu spielen oder vorzulesen. Und ich wünsche mir sehnlichst, dass sie weiterhin in einem Deutschland aufwachsen können, in denen die Freiheit und der (soziale) Friede nicht in Gefahr sind. 
Leider macht mir jedoch die politische Entwicklung in Deutschland große Sorgen und deshalb kommentiere und teile ich viele Beiträge auf Facebook, was von immer mehr Menschen offenbar geschätzt wird (bald sind es 5.000). Jedenfalls haben mir gestern sehr viele von ihnen gratuliert und aufmunternde Worte geschickt. Da ich nicht jedem persönlich antworten kann, hier ein kleiner Text, der mir sehr aus dem Herzen spricht und deutlich macht, worauf es im Leben ankommt:
Ich fühle mich wie jenes Kind, das eine Packung Süßigkeiten gewann: Die ersten aß es mit Vergnügen, doch als es merkte, dass nur noch wenige übrig waren, begann es sie wirklich zu genießen.
Ich habe keine Zeit mehr für unendliche Konferenzen, wo man Statuten, Normen, Verfahren und interne Vorschriften diskutiert; wissend, dass nichts erreicht wird.
Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen, die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.
Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.
Ich will nicht in Meetings sein, wo aufgeblähte Egos aufmarschieren.
Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten.
Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Stellen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.
Die Menschen, die keine Inhalte diskutieren, sondern kaum die Titel.
Meine Zeit ist zu knapp, um Überschriften zu diskutieren.
Ich will das Wesentliche, denn meine Seele hat es eilig.
Ohne viele Süßigkeiten in der Packung...
Ich möchte neben Menschen leben, die sehr menschlich sind.
Die über ihre Fehler lachen können.
Die sich auf ihre Erfolge nichts einbilden.
Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen.
Die nicht vor ihren Verantwortungen fliehen.
Die die menschliche Würde verteidigen.
Und die nur an der Seite der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten.
Das Wesentliche ist das, was das Leben lohnenswert macht.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die das Herz anderer zu berühren wissen.
Menschen, denen die harten Stöße des Lebens beibrachten zu wachsen mit sanften Berührungen der Seele.
Ja ... ich habe es eilig ... um mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.
Ich versuche, keine der Süßigkeiten zu verschwenden, die mir noch bleiben.
Ich bin sicher, dass sie köstlicher sein werden als die, die ich bereits gegessen habe.
Mein Ziel ist, das Ende zufrieden zu erreichen - in Frieden mit mir, meinen Liebsten und meinem Gewissen.
Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du merkst, dass du nur eines hast.
(wird oft auch Mario de Andrade zugeschrieben, brasilianischer Dichter, Schriftsteller, Essayist und Musikwissenschaftler)